160 – Überbauung Regi-Areal, Eschlikon

Neubau
Projektwettbewerb auf Einladung

Geschichte

Der Dorfkern von Eschlikon liegt am Fusse des Hiltenbergs. Mit dem Bau der Eisenbahnlinie von St.Gallen nach Winterthur erhielt Eschlikon 1855 einen eigenen Bahnhof, der für den Ort zu einem wichtigen Bezugspunkt wurde. Die Bahnhofstrasse verbindet die Station mit dem historischen Dorfzentrum von Eschlikon. Zwischen 1870 und 1920 wurden entlang der Bahnhofstrasse mehrere Stickereien erstellt, die Wirtschaft boomte. Entlang der neuen Hauptachse entwickelte sich das Dorf weiter.
Das Regi Areal befindet sich an der Bahnhofstrasse, direkt neben dem Schulhaus Bahnhofstrasse in der Nähe zum historischen Dorfzentrum. Ein erster grösserer Bau auf diesem Grundstück ist 1945 auf der Siegfriedkarte dokumentiert. In der Nachkriegszeit wurde das Fabrikgebäude von den Gebrüder Spring übernommen. Sie produzierten sehr erfolgreich Kochgeschirr-Linien, so erfolgreich, dass sie in den 70-er Jahren weiter expandierten und an einen neuen Standort in Eschlikon umzogen. Im Anschluss daran zog die Regional-Zeitung in das leerstehende Gebäude an der Bahnhofstrasse.

Grundstück

Das Bebauungsgrundstück entwickelt sich von der Bahnhofstrasse in einer abgekröpften Form zur Schulstrasse. Es wird auf der nördlichen Seite von der Schulanlage begrenzt, auf der südwestlichen Seite von drei Punktbauten, wobei die Villa Cassol von den drei Bauten aus architektonischer Sicht die grösste Bedeutung hat. Sie ist ein Zeuge der Bebauung entlang der Bahnhofstrasse, welche nach dem Bau der Eisenbahnlinie eingesetzt hat.

Setzung

Im Zentrum des Projektvorschlages befindet sich die bestehende, eingeschossige Shedhalle mit den flankierenden Wohnbauten, sie bilden das Herz der Anlage. Mit dem Erhalt des Untergeschosses und einem Teil der Shedhalle wird die Setzung der Fabrikbauten auf dem Grundstück aufgenommen und zum Ausgangpunkt der Weiterentwicklung gemacht. Mit der Anordnung der zwei Wohngebäuden wird eine räumliche Dichte erreicht, die an anderer Stelle grosszügige Freiräume ermöglichen.
Zur Bahnhofstrasse schliesst ein dreigeschossiger Bau mit der Migros im Erdgeschoss den Raum. Auf der Westseite vermittelt ein Mehrfamilienhaus zum bestehenden Wohnquartier. Die grösste Dichte entsteht im Zentrum des Grundstücks, während die Bebauungsdichte an den Rändern des Grundstücks abnimmt.

Ortsbauliche Situation

Der Dorfpark um die Villa Cassol bildet einen öffentlichen Raum, der für Eschlikon die Bedeutung eines Ortszentrums einnehmen kann. Dieser Raum erschliesst verschiedene öffentliche und gewerbliche Nutzungen wie Migros und Bibliothek. Der parallel zur Bahnhofstrasse gelegte «Regiweg» schliesst an die Treppenanlage und den Dorfpark an und verbindet die Schulstrasse mit dem Schulhausareal. Damit wird die Siedlung auf selbstverständliche Art und Weise ins Quartier eingebunden. Mit der öffentlichen Bibliothek wird die Shedhalle auch auf betrieblicher Ebene zum Zentrum der Anlage. Die ehemalige Industriehalle mit den wunderbar filigran ausgebildeten Tragwerken ist für die gesamte Anlage hochgradig identitätsstiftend, der ‘Genius Loci’ (Geist des Ortes) bildet die Grundlage für die Weiterentwicklung des Ortes. Die Shedhalle schliesst den Dorfpark nach Norden ab und erhält mit der davorliegenden Treppenanlage einen attraktiven Vorbereich, der zum Verweilen einlädt.
Nördlich der Shedhalle befindet sich der gemeinschaftliche Quartierplatz. Er ist geprägt von einer naturnahen Gestaltung und bietet Kindern und Erwachsenen diverse Spiel- und Aufenthaltsmöglichkeiten an. Das Siedlungslokal schliesst die Shedhalle nach Norden ab und richtet sich direkt auf den Quartierplatz aus. Der Quartierplatz ist den Bewohnern:innen vorbehalten und bildet das aussenräumliche Zentrum für die Bewohner:innen des Areals.

Aussenraumgestaltung

Die Wandlung des ehemaligen Fabrikareals in einen neuen Wohnschwerpunkt mit öffentlichen Funktionen und Food-Retailer (Migros) ermöglicht einerseits die Entwicklung eines Ortszentrums für das gesamte Dorf, andererseits die Entsiegelung und den Einzug der Natur als lebenswertes Zuhause für die Bewohner.
Die Bibliotheksnutzung im Herzen des Areals lässt auf der strassenzugewandten Seite einen platzartigen Freiraum entstehen, den Dorfplatz, der dem Areal als Zugang und Adresse, sowie der Migros als Vorplatz dient. Im Zusammenspiel mit dem zum kleinen Dorfpark aufgewerteten Garten der Villa Cassol und dem mächtigen bestehenden Kastanienbaum entsteht ein dem Aufenthalt und dem Fussgänger gewidmeter Freiraum mit vielfältigen Aspekten und Nutzungsmöglichkeiten. Zwei neue Bäume gesellen sich mit der Kastanie zu einer Baumreihe und bieten mit einem Sitzelement aus grossen Holzbalken robuste Sitzelemente auf dem «urbanen» Dorfplatz. Mit seinem chaussierten Belag schiebt sich der Dorfpark in den Platz und überlagert diesen. Ein grosszügiges Brunnenbecken bildet – im Ensemble mit der Kastanie – als Scharnier den Mittelpunkt der Schnittfläche. Der Brunnen ist Fortsetzung des klassischen Rasengevierts, auf dem Zutritt ausdrücklich erlaubt ist. Sitzbänke begleiten die Kieswege und laden zum Sitzen in der Sonne, im Schatten oder im Schutz des berankten Sockels des erhaltenen Fabrikgebäudes, in dem ein Hort oder Siedlungslokal unterkommen kann. Eine in Länge und Breite ausgedehnte Stufenanlage spannt sich zwischen diesem Gebäude und dem Neubau mit der Migros auf und überwindet den Höhensprung hinauf zum Wohnschwerpunkt des Areals.
Die in der ehemaligen Scheddachhalle untergebrachte Bibliothek wird beidseitig von Wohnhäusern flankiert. Zwischenliegende Fugen erschliessen als Wohngasse die Hauszugänge und Ateliers und führen zum Quartiersplatz im Norden. Jede EG-Wohnungen erhält einen Vorbereich in der Gasse, der durch Rankpflanzen leicht vom Nachbarn separiert wird. In Ost-West Richtung verläuft vor der Bibliothek die Wegachse zwischen Schulstrasse und Primarschule und ergänzt so das öffentliche Wegenetz.
Gartenseitig sind den EG-Wohnungen jeweils grosszügige Sitzplätze vorgelagert. Zur Grundstücksgrenze im Osten und Westen sind eingehagte Gemüsegärten eingefügt, die von allen Bewohnern der Überbauung – auf Wunsch – bewirtschaftet werden können.
Im Norden kommt der Quartierplatz als gemeinschaftlicher Aussenraum für die Bewohner zu liegen. Zum höher gelegenen Spielfeld der Schule im Norden wird der Quartierplatz durch einen naturnahen Baum- und Grünsaum räumlich und atmosphärisch gefasst. Diese «wild» anmutende Natur ist durch ein Biotop ergänzt, das als Mulde das Regenwasser der Dächer aufnehmen und versickern kann. Gefasst ist der Platz nach Norden und Westen von einer «umarmenden» Sitzmauer, wobei das Biotop vor der Mauer zu liegen kommt. Das wilde Biotop und die präzise Mauerlinie bilden einen reizvollen Kontrast und bieten im Zusammenspiel mehr als nur Separierung und Sitzmöglichkeit. Der eigentliche Platz ist chaussierte Fläche, die durch blütenreiche Ruderalvegetation im Bereich der Baumstandorte stimmungsvoll durchbrochen wird. Die Bäume sind spielerisch in den Platz eingestreut und bieten beschattete Aufenthalts- und Spielsituationen. Für die kleinen Kinder gibt es eine grosse Spielinsel. Hinter der Sitzmauer im Westen sind die erhöhten Gartensitzplätze des Wohnhauses an der Schulstrasse.
Ist der ehemalige Fabrikbereich um die Scheddachhalle und bis zur Bahnhofstrasse von einem industriell anmutenden Ortbetonbelag bestimmt, sind die Freiräume im Norden von rural anmutenden Kiesbelägen und Blumenwiesen durchzogen

Das Herz

Im Zentrum des Grundstücks steht die eingeschossige Shedhalle. Das darunterliegende Untergeschoss auf einer Fläche von 1’400m2 wird erhalten, die Hälfte der darüber liegenden, eingeschossigen Shedhalle ebenfalls. Damit kann ein Bauvolumen im Untergeschoss von 4’800m3 ohne nennenswerte bauliche Massnahmen weitergenutzt werden. Auf diese Weise kann viel graue Energie und natürlich auch Kosten eingespart werden. Dieser Ansatz bildet den Ausgangspunkt des Projektes.
Auf der Westseite der erhaltenen Shedhalle wird ein 4-geschossiges Wohnhaus auf das bestehende Untergeschoss gesetzt. Die statische Struktur orientiert sich am vorgefundenen Stützenraster. Das Wohngebäude wird auf die Ostseite der Shedhalle gespiegelt. Alle drei Bauten zusammen bilden das Herz der Anlage.
Die unteren beiden Geschosse der Wohnhäuser werden wie die Shedhalle ebenfalls verputzt und deuten auf subtile Art die ursprüngliche flächige Ausbildung der industriellen Bebauung an. Die beiden darüberliegenden Geschosse werden mit gewelltem Eternit verkleidet, einem Material, dass bei den bestehenden Shedhallen ebenfalls bereits eingesetzt wurde.

Dorfzentrum

Auf der Südseite zur Bahnhofstrasse wird im Erdgeschoss die Migros untergebracht. Zur Bahnhofstrasse schliesst ein 3-geschossiges Gebäude die Bebauung ab und fasst gleichzeitig den grosszügigen Raum um die Villa Cassol zu einem öffentlichen Dorfplatz. Damit entsteht auf der Seite zur Bahnnofstrasse ein zentraler Ort für die Gemeinde Eschlikon, ein Dorfzentrum.
Zur Schulstrasse wird ein 4-geschossiges Wohngebäude gesetzt, welches zur zentralen Shedhalle einen grosszügigen, dreieckigen Aussenraum aufspannt. Hier befindet sich der Quartierplatz, gesäumt von einer kräftigen, natürlichen Bepflanzung. Das Siedlungslokal schliesst die Shedhalle ab und orientiert sich auf diesen Platz.

Projektdaten

Ort Eschlikon
Bauherr Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft Winterthur (GWG)
Programm genossenschaftliche Wohnsiedlung
Jahr 2021
Geschossflächen 7'000 m2